Das Team von Social-Bee München arbeitet gemeinsam daran Flüchtlinge in Arbeit zu bringen
Zarah Bruhn

Zarah Bruhn

Zarah Bruhn ist Social Entrepreneur, Ashoka Fellow und wurde 2019 unter die Top40under40 des Capital Magazins gewählt. Sie ist CEO und Gründerin von Social-Bee, einem Social Business zur Integration Geflüchteter in den Arbeitsmarkt. Die Idee für Social-Bee kam Zarah während ihres Studiums, in der sogenannten "Flüchtlingskrise" 2015. Die aktuelle "Corona-Krise" führte wieder zu einer Gründung, die ein gesellschaftliches Problem mit unternehmerischen Mitteln angeht, der App und Solidaritätskampagne Bring&Ring.

Zarah Bruhn über Krisen und Unternehmertum

Die Corona-Krise ist allbeherrschendes Thema. Du hast gegründet, um in einer Krise ein gesellschaftliches Problem zu lösen. Mit wirtschaftlichen Mitteln und unternehmerisch. Was reizt Dich an Krisen?

Es ist genau 4 Jahre her, dass ich Social-Bee gegründet habe, mitten in der Flüchtlingskrise. Und vieles von dem, was wir heute während der Corona-Krise erleben, erinnert mich daran, wie ich mich damals fühlte. Mir ist in den letzten Wochen klar geworden, wie meine Erfahrungen von damals mich heute stärker gemacht haben, sodass ich es nicht nur überstehe, sondern kreativ bleiben kann, neue Ideen entwickle und so Teil der Lösung werde. Ich bin mir sicher, dass das Lernen voneinander und die große Kooperationsbereitschaft uns allen helfen werden, durch diese Zeit zu navigieren.


Inwiefern hängt das mit Deinem Start-Up Social-Bee zusammen?

Ich wünsche mir wirklich, dass es in Deutschland keine Flüchtlinge gäbe. Genauso wie meine Kollegen sich wünschen, dass sie nicht vor Krieg, Verfolgung und Hunger fliehen müssten, sondern ihr Leben in Frieden leben könnten. 2015 stand Deutschland vor der bisher größten Zahl von Asylbewerbern, von denen viele noch immer keine sichere Perspektive haben. Warten auf Asylbescheid, Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis ohne zu wissen, wie lange das alles gehen mag, kann zermürben. Keine Sicherheit zu haben, ist etwas, mit dem sich die meisten deutschen Bürger und Organisationen gerade jetzt identifizieren können, da die Corona-Krise in den meisten Bereichen unseres Lebens Strukturen aufgebrochen hat. Aber warum sollte man das, was nicht rückgängig gemacht werden kann, nicht als Chance sehen? Warum nicht hinter das Wort „Flüchtling“ blicken und die Persönlichkeiten sehen, die bereit sind, sich in Deutschland als Fachkräfte in die Arbeitswelt einzubringen und zu integrieren? Warum nicht alte Denkmuster aufbrechen? Und warum sollte man den Zusammenbruch der alten Strukturen nicht als Chance sehen, ein stärkeres Fundament zu schaffen?


Viele Eurer Jobkandidaten haben erfolglos auf eigene Faust nach Arbeit gesucht. Woran hapert es, wenn einerseits über Personalmangel geklagt wird und andererseits viele Menschen nach Arbeit suchen?

Arbeitgeber könnten sich folgende Fragen stellen: Brauchen wir wirklich für jede Position eine Stellenbeschreibung und exakt die gesuchten Kenntnisse und Fähigkeiten? Können wir Einstellungskriterien lockern, um auch Benachteiligten eine Chance zu geben? Das sind Fragen, die bei der Beschäftigung von Flüchtlingen immer wieder auftauchen. Auf lange Sicht überwiegen in der Regel Potenzial und Motivation gegenüber einem perfekt passenden Lebenslauf. Wenn wir uns auf die Lernkurve konzentrieren, haben wir durch Social-Bee viele Rohdiamanten erstrahlen lassen. In der jetzigen turbulenten Zeit können wir diese Flexibilität nutzen und unsere Prozesse hinterfragen: Sind all diese persönlichen Treffen in der Bewerbungsphase wirklich notwendig oder können wir bessere und alternative Wege der Kommunikation finden? Müssen wir persönliche Interviews durchführen oder können wir Mitarbeiter über Videoanrufe einstellen und sich bewähren lassen?


In Deutschland haben Arbeit und Beschäftigung einen besonders hohen Stellenwert. Der Beruf ist für viele Menschen zentral für ihre Identität. Was heißt das aktuell?  

Viele Menschen, die in Kurzarbeit sind oder denen Aufträge und Kunden wegfallen, erleben einen Mangel an Struktur und fühlen sich im Moment irgendwie verloren. Wir alle erleben, wie es sich anfühlt, nicht wie gewohnt zur Arbeit zu gehen, nicht mit Kollegen zu sprechen und in unseren Tätigkeiten eingeschränkt zu sein. In einer Zeit voller Unsicherheit ein Ziel zu haben, gibt uns die nötige Motivation, positiv zu bleiben. Das ist genau der Grund, warum wir bei Social-Bee an Empowerment durch Beschäftigung glauben. Geschätzt zu werden, finanziell unabhängig zu sein und einen strukturierten Tag zu haben, macht das Leben in einem fremden Land (oder einer fremden Situation) sehr viel einfacher. Ich erlebe, wie ich mich nach Dingen sehne, die mich auch nerven konnten und insgesamt dankbarer werde für scheinbare Selbstverständlichkeiten.


Worauf kommt es denn wirklich an bei der Zusammenarbeit mit Geflüchteten, wenn das Ziel die berufliche Integration ist?

Es hat keinen Sinn, standardisierte Fragen zu stellen, wenn man mit jemandem spricht, der alles zurücklassen musste, um sich und seine Familien zu retten. Über Träume und Berufsziele zu sprechen ist nicht das Richtige, solange grundlegende Menschenrechte bedroht sind. Wir müssen also zu den Basics zurückkehren. Das heißt, statt nach dem Traumjob von jemandem zu suchen, versuchen wir, seinen Traum zu verwirklichen, einen passenden Job mit Perspektive zu finden und die Person in ihren Zielen zu unterstützen. Es geht darum, zu fragen, was wirklich wichtig ist, und dort anzusetzen für die größtmögliche Entwicklung. Das ist etwas, was wir nun selbst intern bei Social-Bee umsetzen konnten, als die gegenwärtige Krise die meisten unserer Pläne zunichte gemacht und das gewohnte Tagesgeschäft auf den Kopf gestellt hat.


Bei Social-Bee nutzt Ihr das Modell der sozialen Zeitarbeit. Dann seid Ihr sicher auch als Unternehmen hart getroffen. Wie schafft Ihr es als Start-Up durch die Krise?

Als junges Unternehmen sind wir einige Höhen und Tiefen gewöhnt. Das liegt sicher auch am Thema. Integration ist ein Prozess, es geht um Gewöhnung und die Veränderung von Gewohnheiten. Das kann nicht innerhalb von Tagen oder Wochen geschehen, und in manchen Fällen kann es sogar Jahre dauern. Ein Team zu haben, das an Herausforderungen wachsen kann, ist daher entscheidend. Der Schlüssel dazu liegt darin, offen zu sein für Vorschläge, überholte Strukturen zu verändern und konstruktiv zu kommunizieren. Da wir uns alle von einem Moment auf den anderen in diese neue Corona-Realität einfinden mussten, haben sich diese Eigenschaften als nützlich erwiesen. Teil eines Teams zu sein, das motiviert ist, jede Herausforderung anzunehmen, die sich uns in den Weg stellt, ist ein unglaublich bestärkendes Gefühl und macht mich jeden Tag dankbar, mit diesen Menschen zusammenzuarbeiten.

Eine Krise ist immer mit viel Leid verbunden, persönlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Ich glaube jedoch, dass wir die Perspektive ändern und sie als eine Gelegenheit sehen könnten, zu lernen und uns weiterzuentwickeln. Sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen, ist oft ein Luxus, aber wenn diese Pandemie eines Tages vorbei ist, würde ich mich freuen, wenn uns allen ein paar Dinge blieben, die uns stärker machen und besser auf die Zukunft vorbereiten. Lasst uns die Situation nicht einfach akzeptieren und abwarten, sondern flexibel bleiben, den Status quo in Frage stellen und beginnen, die richtigen Fragen zu stellen. Zum Beispiel:

Ist es wirklich notwendig, so viel zu reisen wie bisher?

Braucht es immer ein persönliches Gespräch oder ist es wichtiger, überhaupt miteinander zu sprechen?

Wann habe ich mich das letzte Mal richtig bedankt?

Bleibt wirklich nicht genug Zeit, die eigenen Großeltern jede Woche anzurufen?

Warum kennen sich so viele Nachbarn nicht persönlich und können die Frage nicht beantworten, ob sie Hilfe brauchen oder nicht?

Und zu guter Letzt:

Was kann man im Geschäfts- oder Privatleben tun, um der Gesellschaft bei der Überwindung dieser Krise zu helfen? Und was kann man langfristig tun, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Allgemein

Was tun bei Abschiebung?

‚Worst Case‘ Szenario für alle Seiten: ein Social-Bee Mitarbeiter soll abgeschoben werden. Was dann? #RealityCheck mit Sebastian Halden. Im März wurde klar, dass ein Mitarbeiter …

Read More →

Nichts mehr verpassen!

Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an und informieren Sie sich über die Integration von Geflüchteten.

Nichts mehr verpassen!

Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an. Wir informieren Sie über all unsere wichtigen Meilensteine und versorgen Sie mit all den relevanten News zur Integration von Geflüchteten.